Der Himmel ist mir heute morgen etwas zu grau um meine Strandgedanken in Taten umzusetzen. Es scheint mir, als wäre dies das erste Wochenende in Portugal, an dem ich mich aktiv pro oder kontra Arbeit entscheiden soll. Und ich tue dies mit Genugtuung in Richtung kontra.

FAUP Faculdade de Arquitectura do Porto
Die Entwurfsklassen haben begonnen. Wie geplant, konnte ich in die Klasse des Architekten Nuno Brandao Costa einsteigen. „Professor!!….“ spricht man hier den Lehrer an. Professor Brandao Costa ist von kleiner Körpergrösse, dünn, trägt einen baumelnden Goldring am linken Ringfinger (in Portugal trägt man ausnahmslos goldene Eheringe) und hat einen leicht gejagten, unter den vorstehenden Schädelknochen versteckten Blick. Er ist glaube ich der erste Mensch hier, der mich nicht aufmerksam gemustert hat und aufgrund heller Haarfarbe und heller Augen auf meine Herkunft, die offensichtlich nicht portugiesisch sein konnte, zu schliessen versuchte. Wir starten nun also alle mit den gleichen Voraussetzungen ins Rennen, um eine öffentliche Bibliothek in der Nachbarstadt Vila Nova de Gaia zu entwerfen. Zum Glück verstehe und spreche ich mittlerweile genug portugiesisch um dem Unterricht zu folgen und gegebenenfalls „duvidas“ oder „perguntas“ und „questoes“ (Fragen) anzubringen.
Genau in dieser Phase des „einigermassen-eingewöhnt-Seins“ scheint die erste Schwierigkeit eines Auslandaufenthalts einzutreten. Mir wurde plötzlich klar, dass ich nicht in den Ferien bin, sondern an diesem Ort leben werde. Am Anfang ist es einfach, ständig dasselbe zu antworten: Ja, Schweiz nicht Schweden – auf portugiesisch besteht das gleiche Problem der Verwechslung wegen dem ähnlichen Namen Suiça und Suecia – ja, wirklich reine Schweizerin, ja, ich weiss, meine Haut ist ungewöhnlich dunkel und Flavia ist lateinisch nicht italienisch. Aber ihr dürft es gerne mit acento schreiben. Flávia. Plötzlich kann ich Leute verstehen in der Schweiz, die ihre Namen absichtlich ändern (ich denke an die kleine Chinesin mit dem seltsamen Namen Aylin und an ihren Bruder Andi – Namen die sie sich ausgedacht haben, um in der Schweiz nicht ständig nach der Aussprache derselben gefragt zu werden). Und ich verstehe auch, warum Leute im Ausland Ihresgleichen, ihre Landespartner suchen. Erscheint einem die Kultur auf den ersten Blick ähnlich, bestehen doch in den Grundfesten wirklich grosse Unterschiede. Denke man nur an den Stellenwert von Religion, Familie und Politik. Die Behandlung der Fragen zu Ehe und Abtreibung. Ausserdem ist Portugal ein „Machostaat“. Die Macht liegt noch viel, viel stärker bei den Männern, als es in der Schweiz der Fall ist. Auch Sport ist reine Männersache. Das sieht man zum Beispiel beim Unisport: es gibt tatsächlich nur Mann-schaften. Das Sportangebot für Frauen beschränkt sich auf Aerobics, Bauch-Beine-Po, Pilates und Indoor-Cycling. An der Universität äussern sich gewisse Rückständigkeiten in der Gesellschaft in einer extremen Anti-Haltung. Es ist zum Beispiel en vogue, dass verheiratete Professoren in aller Öffentlichkeit mit Studentinnen anbändeln. Die Studenten dereinst brüsten sich damit, homosexuell oder – noch eher geschätzt – bisexuell zu sein (obwohl sie es nicht wirklich sind). An den berühmt-berüchtigten Churrascos (BBQs) meiner Fakultät, an denen jeweils sämtliche Szenis aller umliegenden anderen Fakultäten antanzen, wird man diesen Worten scheints auch mit Taten gerecht. Dies kommt sehr ausschweifend und beinahe schon anarchistisch daher. Tatsächlich besteht die Sehnsucht nach den 60ern, der Freiheit, den Kommunen, dem Tabubruch und es werden Vorträge, Seminarien, Kolloquien darüber abgehalten. Doch beginnt nach der intellektuellen Nacht der Tag, ist alles wieder weiss. Die Uni spricht von Tradition, Einheit, und Kontinuität. Ihre architektonischen Augen und Münder schauen wachsam auf das Treiben im Campus mit all seinen hübsch gekleideten und sorgsam frisierten Schülern, ja keine Experimente, dass nur kein Schäfchen abkomme vom richtigen Weg.
„Professor!!….“ und alles geht weiter in geordneten Bahnen als gäbs kein Gestern und kein Morgen und ich, ich spiele ernsthaft mit dem Gedanken, meinen Haaren mit etwas „schwarzem Humor“ zu Leibe zu rücken…