Archiv für Oktober 2008

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es räägelet… (Käse wie Projecto, Wetter, Zumthor in Lissabon)

Oktober 16, 2008

Heute sinds 6 Wochen. Ich sitze bei geöffneter Balkontür in meinem Wohn-Ess-Koch-Bastelzimmer und verlangsame für einen Moment die Zeit. Ich glaube, das ist die Auswirkung der momentanen Wetterlage: Heute morgen schwitzten wir noch im TShirt, jetzt fällt draussen ein dichter Sprühregen – eine Art Drizzle – wie wenn jemand mit einer nassen Zahnbürste über ein Drahtgitter streichen würde. Zwischen den Häusern und über den Baumwipfeln des Chrystal Parks liegt dichter Nebel und die Möwen, die in dieser stillen, dumpfen Stadtwolke ihre Bahnen ziehen, wirken fast ein wenig gespenstisch. Ich hab mich tüchtig erkältet. Denn auch die instabile Wetterlage hindert unsere Zeichenlehrer nicht daran, uns stundenlang draussen runmsitzen zu lassen und Perpektiven der Schule zu skizzieren. Ich muss mich hierbei anscheinend dran gewöhnen, dass ich unter lauter Professionellen die blutige Anfängerin bin. Das heisst, ich werde zuweilen nicht nur mit mitleidigen Blicken sondern mit einem spöttischen Lacher des Profs belohnt. – Mas nao faz mal – Ich bin hier in den Ferien, sage ich mir immer. In der Entwurfsklasse hatten wir auf diese Woche die Aufgabe, uns mit dem Organigramm unseres Projekts, eine Biblioteca Municipal zu befassen.

Vila Nova de Gaia, Area Metropolitana do Porto, Rotunda VL 8

Vila Nova de Gaia, Area Metropolitana do Porto, Rotunda VL 8

Morgen werden wir ausserdem mit einem Bus voll FAUP Studenten nach Lissabon zur grossen Zumthor-Ausstellung fahren. Ich freu mich gewaltig. Und in 10 Tagen bekomme ich schon den zweiten Besuch aus der Schweiz: Phil wagt sich auf atlantischen Boden! Für dich, angesprochener Schatz, und alle anderen die sich interessieren: hier http://www.instituto-camoes.pt/index.php kann man super ein paar erste Bissen Portugiesisch büffeln. Und ist einem nicht nach aktiven lernen, kann man sich ein paar wunderbar illustrierte Geschichtli über portugiesische Könige und Eroberer (im Menu „Era uma vez… um Rei“) vorlesen lassen…

Direktlink „Intstituto Camoes“ Übersichtsmenu:
http://www.instituto-camoes.pt/cvc/aprender-portugues.html

Exposiçao Zumthor:
http://www.experimentadesign.pt/2009/warm-up/pt/0201.html

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einmal im Leben Ausländer sein

Oktober 12, 2008

Der Himmel ist mir heute morgen etwas zu grau um meine Strandgedanken in Taten umzusetzen. Es scheint mir, als wäre dies das erste Wochenende in Portugal, an dem ich mich aktiv pro oder kontra Arbeit entscheiden soll. Und ich tue dies mit Genugtuung in Richtung kontra.

FAUP Faculdade de Arquitectura do Porto

Die Entwurfsklassen haben begonnen. Wie geplant, konnte ich in die Klasse des Architekten Nuno Brandao Costa einsteigen. „Professor!!….“ spricht man hier den Lehrer an. Professor Brandao Costa ist von kleiner Körpergrösse, dünn, trägt einen baumelnden Goldring am linken Ringfinger (in Portugal trägt man ausnahmslos goldene Eheringe) und hat einen leicht gejagten, unter den vorstehenden Schädelknochen versteckten Blick. Er ist glaube ich der erste Mensch hier, der mich nicht aufmerksam gemustert hat und aufgrund heller Haarfarbe und heller Augen auf meine Herkunft, die offensichtlich nicht portugiesisch sein konnte, zu schliessen versuchte. Wir starten nun also alle mit den gleichen Voraussetzungen ins Rennen, um eine öffentliche Bibliothek in der Nachbarstadt Vila Nova de Gaia zu entwerfen. Zum Glück verstehe und spreche ich mittlerweile genug portugiesisch um dem Unterricht zu folgen und gegebenenfalls „duvidas“ oder „perguntas“ und „questoes“ (Fragen) anzubringen.

Genau in dieser Phase des „einigermassen-eingewöhnt-Seins“ scheint die erste Schwierigkeit eines Auslandaufenthalts einzutreten. Mir wurde plötzlich klar, dass ich nicht in den Ferien bin, sondern an diesem Ort leben werde. Am Anfang ist es einfach, ständig dasselbe zu antworten: Ja, Schweiz nicht Schweden – auf portugiesisch besteht das gleiche Problem der Verwechslung wegen dem ähnlichen Namen Suiça und Suecia – ja, wirklich reine Schweizerin, ja, ich weiss, meine Haut ist ungewöhnlich dunkel und Flavia ist lateinisch nicht italienisch. Aber ihr dürft es gerne mit acento schreiben. Flávia. Plötzlich kann ich Leute verstehen in der Schweiz, die ihre Namen absichtlich ändern (ich denke an die kleine Chinesin mit dem seltsamen Namen Aylin und an ihren Bruder Andi – Namen die sie sich ausgedacht haben, um in der Schweiz nicht ständig nach der Aussprache derselben gefragt zu werden). Und ich verstehe auch, warum Leute im Ausland Ihresgleichen, ihre Landespartner suchen. Erscheint einem die Kultur auf den ersten Blick ähnlich, bestehen doch in den Grundfesten wirklich grosse Unterschiede. Denke man nur an den Stellenwert von Religion, Familie und Politik. Die Behandlung der Fragen zu Ehe und Abtreibung. Ausserdem ist Portugal ein „Machostaat“. Die Macht liegt noch viel, viel stärker bei den Männern, als es in der Schweiz der Fall ist. Auch Sport ist reine Männersache. Das sieht man zum Beispiel beim Unisport: es gibt tatsächlich nur Mann-schaften. Das Sportangebot für Frauen beschränkt sich auf Aerobics, Bauch-Beine-Po, Pilates und Indoor-Cycling. An der Universität äussern sich gewisse Rückständigkeiten in der Gesellschaft in einer extremen Anti-Haltung. Es ist zum Beispiel en vogue, dass verheiratete Professoren in aller Öffentlichkeit mit Studentinnen anbändeln. Die Studenten dereinst brüsten sich damit, homosexuell oder – noch eher geschätzt – bisexuell zu sein (obwohl sie es nicht wirklich sind). An den berühmt-berüchtigten Churrascos (BBQs) meiner Fakultät, an denen jeweils sämtliche Szenis aller umliegenden anderen Fakultäten antanzen, wird man diesen Worten scheints auch mit Taten gerecht. Dies kommt sehr ausschweifend und beinahe schon anarchistisch daher. Tatsächlich besteht die Sehnsucht nach den 60ern, der Freiheit, den Kommunen, dem Tabubruch und es werden Vorträge, Seminarien, Kolloquien darüber abgehalten. Doch beginnt nach der intellektuellen Nacht der Tag, ist alles wieder weiss. Die Uni spricht von Tradition, Einheit, und Kontinuität. Ihre architektonischen Augen und Münder schauen wachsam auf das Treiben im Campus mit all seinen hübsch gekleideten und sorgsam frisierten Schülern, ja keine Experimente, dass nur kein Schäfchen abkomme vom richtigen Weg.

„Professor!!….“ und alles geht weiter in geordneten Bahnen als gäbs kein Gestern und kein Morgen und ich, ich spiele ernsthaft mit dem Gedanken, meinen Haaren mit etwas „schwarzem Humor“ zu Leibe zu rücken…

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Romantik pur…

Oktober 9, 2008

Wie im Paradies kommts einem zuweilen vor hier, in Porto. Aber es gibt auch Dinge, die einem zu Denken geben. Darunter gehen zum Beispiel Themen wie soziale Absicherung und Löhne der Portugiesen.
In der Schweiz beklagen wir uns, dass wir als studierte Architekten nur 4000 Franken verdienen pro Monat. Hier bekommt ein Architekt 500 Euro wenn er Glück hat. Und das ohne Arbeitsvertrag. Das will heissen, dass man schwarz arbeitet und keinen Anspruch hat auf Arbeitslosengeld und andere soziale Dienstleistungen. Natürlich ist alles billiger in den Läden. Aber dennoch – Markenartikel, Kosmetika und ähnliches kosten gleichviel wie in der Schweiz! und wenn man bedenkt, dass der Architekt grade einen Viertel von unserem Lohn bekommt, ist der Preisunterschied von 1:2 dennoch keine Erleichterung.
Aber natürlich verdienen nicht alle Leute so schlecht wie die Architekten (die darum zur Armee und zur Luftwaffe gehen um sich nachher sozusagen hobbymässig mit ihrem Beruf zu beschäftigen). Ein Anwalt oder Lehrer ist besser dran. Die Lohnschere spürt man gut im Supermarkt: Eine ganze Wand voll verschiedener Thunfischsorten steht zur Auswahl: Das billigste Produkt kostet 46 Cent, das teuerste 5 Euro. Ausserdem sind viele Portugiesen eine Art Teil-Selbsternährer. Das Nationalgericht Caldo Verde (Grünkohlsuppe) wächst in allen Gärten, bisweilen auch zwischen Ruinen oder in Hintergässchen mitten in der Stadt.

Spricht man die Leute darauf an, sind die Meinungen geteilt. Einige weisen darauf hin, dass wir uns momentan in einer schweren Finanzkrise befinden. Bei dieser müssen natürlich die letzten Glieder der Lohnkette (Grafiker, Architekten, Archäologen) zuerst bluten. Die andere Seite meint, dass es eh allen gleichschlecht geht. Die letzten 20 Jahre waren besonders für die Architektengeneration eine Art intellektuelles Mittelalter mit traumatischer Nachwirkung: es wurde zersiedelt, planlos und spekulativ viel Fläche und Landschaft des ehemals sorgsam überwachten Diktaturterritoriums überbaut.* Derzeit beherrscht also die Frage die (Planungs-)politik, was die Demokratie und ihre dezentralen Organisationsformen für die Raumplanung „gebracht“ hat. Dieselbe Frage stellen wir uns ja gegenwärtig in der Schweiz – bleibt zu hoffen, dass wir bald irgendwelche realitätstauglichen Anworten auf den Tisch bringen. Also zurück an die Arbeit, Amigos! :)

*António de Oliveira Salazar (* 28. April 1889 in Santa Comba Dão; † 27. Juli 1970 in Lissabon) war von 1932 bis 1968 Ministerpräsident und Diktator von Portugal.
Seine Hauptunterstützung erhielt Salazar von den Gruppen der Gesellschaft, die des Chaos der republikanischen Ära überdrüssig waren. Für Armee, Kirche, Monarchisten, obere Mittelschicht und Aristokratie war Salazar die bessere Wahl im Vergleich zu den vorhergegangenen Juntas