Bis jetzt hatte ich es ja noch nicht recht geschafft mich in die tiefsten portoenser Architektenkreise einzuklinken. Aber das hat sich in den letzten 10 Tagen radikal geändert, nachdem ich von einem Entwurfsassistent aus Guimaraes ins „Architektenloch“ der Stadt geschleppt wurde: gemeint ist das Restaurant Buraco (auf portugiesisch tatsächlich Loch), ein überfülltes Lokal mit lauter schwarzgekleideten Gestalten, einem leichten (…) Männerüberschuss, einem eifrig umhereilenden und anscheinend fast allwissenden Restaurantbesitzer mit weissem Haar und Nickelbrille, Senhor Manuel (Benficafan), und viielviiel traditioneller Küche. Auf jeden Fall traf ich an diesem Abend auf einige weitere Staffangehöriger der meinen Schule sowie auf einen abgefahrenen Nachwuchsarchitekturtheoretiker der Stadt, den ich schon ein paar Mal an irgendwelchen Konferenzen gesichtet hatte. Als einziger Aussenseiter die Krönung Francisco, ein kettenrauchender Lungenarzt aus Lissabon.
li unten: Nuno, Ex-Mitarbeiter von Paulo Mendes da Rocha, li oben: Francisco, Lungenarzt, oben mitte: André, Theoretiker (…), re: ich
Der Abend war nach diesem Restaurantbesuch nicht zu Ende. Trotz übelstem Regen (Situation unverändert) zog man nach hervorragender Verköstigung weiter in spelunkiges Porto: Labirinto, Bar Anrique im 18ten Stock eines von aussen ziemlich vergammelt wirkenden 70er Jahre Hotels und zuletzt die Bar des Unisports, etwa der einzige Platz unter der Woche wo man nach dem Ausgang dem Sonnenaufgang des nächsten Morgens zuschauen könnte (wenns Fenster gäbe). Unterwegs stiessen noch weitere Berufsverwandte hinzu und wir waren anscheinend genug finanzaktiv um eine ganze Bar am Laufen zu halten… Natürlich gings um Architektur, Kunst, Schweiz, Portugal, Brasilien – die Orte an denen man gewesen war — aber je höher die Promille, desto fantasievoller die Verbindungen: Beim Blick in den heimischen Spiegel entdeckte ich das in meinem Gesicht: Schönheitschirurgie mit künstlerischem Anspruch!!
"...hier ein bisschen liften... Da ein bisschen straffen....!!"
und nicht zu vergessen diese anderen Zeichnungen, entstanden in vielen Stunden architektonischen und nicht-architektonischen Rumalberns….
„Music video for Montreal-based band, Lesbians on Ecstasy. Sisters in the Struggle is the anthem for their new album, We Know You Know. K8 Hardy was pleased to make this video for the LOE. She shot, produced, directed, styled, and edited the video, with great assistance from Mariev Robitaille. …“ (Bruno Antunes)
ich glaube der Wettergott hat mich wörtlich genommen: in Porto ist der Winter eingekehrt. Nicht dass es schneien würde, nein. Es regnet bei 7 bis 10 Grad Aussen-, 17-20 Grad Innentemperatur und ich weiss nicht wievielen Prozent (aber vielen) Luftfeuchtigkeit. ICH FRIERE MIR FöRMLICH sämtliche Tentakel AB: Finger, Füsse und den sprichwörtlichen Ar-m. Dieser Kälteeinbruch kommt natürlich gerade rechtzeitig zu den weihnächtlichen Abgaben. Gestern haben wir unser Geschichtsprojekt zur ersten Kontrolle eingereicht, Freitag Zeichnen, nächsten Donnerstag das Projekt. Zum Glück läuft alles einigermassen glatt – nur das mit dem Fassadenskizzieren in der Stadt will nicht so recht: Meine Hefte, Blöcke, Mappen sind alle ganz gewellt….
a piscina na FAUP / Nov08
Zeichnungsübungen. Die berühmtesten Architekturschulen Portugals (Porto, Guimaraes) arbeiten nach der Lehre der Belas Artes. Der Fokus liegt sehr stark auf der zeichnerischen Darstellung nicht nur von Architektur, sondern übergreifend (Bäume, Menschen, Stühle etc ). Ich belege den zweiten Jahreskurs mit dem Fokus Architektur. Bis jetzt lernten wir aus Anschauung Axonometrien, Perspektiven, Grundrisse ganzer Stadtteile und Licht-Schatten-Ansichten zu erstellen…
Häuserreihe in Foz / Nov08
das Ziel bei dieser Art zu Zeichnen ist dabei nicht primär eine „schöne Zeichnung“ zu machen, sondern eine, in welcher Proportionen und Relationen, Höhen, Längen, Breiten etc., der Realität entsprechen.
Die Schüler der FAUP legen hierbei enorme Ausdauer und Schnelligkeit vor. 30 Perspektivskizzen in 3 Stunden!! Stress pur. Ich schaffe genau 8 schlechte. Und danach ist alles klamm, der Rücken schmerzt. Hier weiss man, warum Architektur „die Leidenschaft schlechthin“ genannt wird…
FAUP / Nov08
..gezeichnet wird mit Bleistift, Kuli und Filzstiften. Strikte verboten sind Gummi und Lineal. Wie beim Regen existieren im Portugiesischen viele verschiedene Bezeichnungen für das eine Phänomen: Schizzo, Esboço, Croquis. Mein Zeichnungslehrer ist fast verzweifelt beim Erklären des Unterschieds. Ich hab immernoch keinen Schimmer – Hauptsache es wird zielstrebig und einlinig gechribbelt…
*beziehungsweise: Wann wirds denn bitte Winter..
zum läse bitte Jorge Palma, „Os demitidos“/“Di Entlassene“ laufe lo
..seit Oktober warte ich hier nun auf den prophezeiten eiskalten und regnerischen Winter. Bisher ist aber alles was eingetroffen ist ein prächtiges Herbstwetter, Blätter in allen Farben und T-Shirttage mit blitzblauem Himmel. „Verao de Sao Martinho“, etwa zu übersetzen mit Altweibersommer – mit dem Unterschied zur Schweiz, dass diese Jahreszeit hier tatsächlich existiert. Nicht nur Jahreszeiten haben wir hier eine mehr, auch Mahlzeiten: nämlich 4 am Tag. Man kann sich vorstellen was das für meine guten Ernährungsvorsätze zu bedeuten hat.
Es ist ja nun schon einige Tage her seit meinem letzten Eintrag, drum häufen sich hinter meiner Stirne momentan Dinge, die ich gerne mitteilen würde. Ich werd mich also kurzhalten und auf das neue Bondfilmkonzept umsteigen: Episoden (schlechter Anfang, schlechtes Ende, ein Haufen Specialeffects und eine lückenhafte Story).
1. der Morgen: Missverständnis.
Ich wollte grade zum Mittagessen abzischen und liess mein gesamtes Inventar auf meinem Arbeitstisch im „Torre F“ liegen. „To“ (Antonio) rief mich darauf zurück „Nao queres levar o teo rato??“ Was?? Meine Ratte mitnehmen?? Flavia bricht spontan in einen Lachanfall aus: Auf Portugiesisch heisst die Computermaus Ratte?? Naja, nach grossem Hin und Her stellt sich dann heraus, dass Rato auf Portugiesisch Maus und nicht Ratte heisst. *öööööööh* man hat sich wiedermal bewährt…
paraiso
2. der Tag: Leben auf dem Land.
Was die meisten von uns von Portugal kennen ist die Küste. Das ist nicht nur eine Tatsache der Zeit billigfliegender Easys, Ryans und schnelllebigem Sädtetourismus. Über diese Struktur entschieden schon die Römer, als sie Portugal zu einem der Kornspeicher des Imperiums machten. (Der Ursprung Portugals liegt ausserdem direkt hier zu meinen Füssen: Porto liegt auf dem damaligen Gebiet der beiden römischen Städte „Portus“ und „Cale“.)
Die Reise ins Landesinnere, insbesondere in den bewaldeten Norden, gleicht einer Zeitreise. Dörfchen reiht sich an Dörfchen, über dutzende Kilometer Kopfsteinpflaster rattert unser Auto Richtung Barcelos und Viana do Castelo. (Die Autobahn meiden wir absichtlich.) Barcelos ist eine mittelalterliche Gründung und verfügt noch weitgehend über die damaligen Strukturen: Eine Brücke mit Zollkontrolle (leider fiel ein Grossteil der Brückenbebauung 1755 dem gleichen Erdbeben zum Opfer wie die gesamte Innenstadt Lissabons http://de.wikipedia.org/wiki/Erdbeben_von_Lissabon), die alte Kirche – nicht viel mehr als ein bescheidenes Steinhaus mit einem Kreuz über dem Giebel – und das Haus des Grafen bzw. Stadthalters. Die Strassen sind supereng: Mehr als ein Pferd passt kaum zwischen den schiefen Häuserfluchten hindurch. Der Hauptplatz wird dominiert von einem gewaltigen Pranger – einem Stück Baukultur, das fast in jeder Kleinstadt die wir passieren erschreckend präsent ist…
Mittelalter in Barcelos mit Pranger im Vordergrund..
Weiter gehts zu Lauras Eltern- und Grosselternhaus. Lauras Mutter hat 12 Geschwister (die schlussendlich alle studiert haben!!) und ist hier aufgewachsen. Wir betreten das Grundstück über die selbstbenannte „Rampa do Paraiso“ (Rampe ins Paradies). Haus und Scheunen sind wie gewachsen aus dem fruchtbaren Boden: Unter dem Erdgeschoss befindet sich der Kuhstall (mit der Wärme der Tiere heizten sie die Wohnräume der 15köpfigen Familie), daneben Bienenhaus, Werkstatt, Weinkeller, Gemüsegarten, Obstgarten mit Zitronen, Orangen und Limonen. Dutzende mal bleibe ich stehen, muss zurückgehen: Ist das nicht Peterli?? Weihrauch?? Kürbisse, Reben, Kohl, Salat, Nussbäume und Ungezähltes das wir nicht übersetzen können. Auf dem Panorama rechts sichtbar der riesige Waschtrog, der von den Kindern als Swimmingpool genutzt wurde. Im Dachboden endet unser Reisli bis auf Weiteres: Auf allen Vieren erkunden wir die verstaubten Verstecke aus Lauras Kindheit…
dachboden
3. die Nacht: Party.
Party in der Schule? Hier könnte sich unsere Architektura mal ein Beispiel nehmen! Unsere Studentenassoziation organisiert neben den allmonatlichen stattfindenden Parties auch Verkaufsaktionen für Selbstdesignetes, Diskussionsforen, Sportliches und kleine Reisen. Der Studentenausweis ist sogar cooler als der echte der Uni.
Diese Woche tanzten wir zu 1-Eurobier, gratis Steak mit Brötli bei herrlichem Sommerwetter bis zu Vorlesungsbeginn am nächsten Morgen….
DANçAS DO MUNDO FAUP NOV08 (Filmli zum luege):
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PS – Ich weiss jetzt, warum wir in der Mensa jeden Tag Reis essen: In der Nähe von Lissabon gibts den Gerüchten zufolge ein riesiges Feuchtgebiet, in welchem im grossen Stil Reis angebaut wird. Ihr glaubts nicht? Ich auch nicht!
Was die Friseursuche im Ausland betrifft ist das ja etwa mit einem Totalschaden aller Werte und Vorstellungen betreffend Schönheit und Nachhaltigkeit gleichzusetzen. Dabei muss man nicht mal ins Ausland, es reicht schon, sich anstatt in Basel beim angestammten Härchentrimmer, in Zürich einmal unters Effiliermesser einer Art „Stop-and-Go“ Coifföse gelegt zu haben. (Jaja, ich landete dann nach 10tägiger spiegelvermeidender Identitätskrise bei meinem Frisör in Kaiseraugst und dies während den Endabgaben).
Ich drohte langsam, dem Schicksal von Rapunzel unterzukommen. Gleich am Flussufer neben der Uni hatte ich die Wahl zwischen zwei direkt nebeneinanderliegenden Salons, der eine fein geschniegelt, weisse Ledersessel, Tussis mit 1cm Makeup, der andere mit laut lamentierenden Portugiesen auf und hinter dem Stuhl, einem jugendlichen Hairdresser mit cooler schwarzweisser Brille und einer schwer übergewichtigen brasilianischen Gehilfin. Schon sass ich auf dem Wartesesseli, Schwuppdiwupp Jacke weg – 14 Euro? Wow das ist ja günstig – Zack unters Wasser, vor den Spiegel. Dann die grösste Schwierigkeit: Wie bringe ich dem bebrillten Jüngling bei, wie ichs haben will? Escadas = Treppen, Escaladas = Stufen. Hm, das Erlebnis hatte Lernfaktor. Schneiden ging schnell und schmerzlos, nur leicht irritiert konnte ich mich der Angebote erwehren meine Nägel einer Generalüberholung zu unterziehen oder meinen Damenbart („Moustache???? [begleitet von vielen unmissverständlichen Gesten...]„) ausreissen zu lassen. Hab ich einen Damenbart?? Auch das Brushing überlebte ich nur mit ein paar kleinen Verbrennungen der Kopfhaut. Als es dann ans Zahlen ging, die Überraschung: Haarschnitt 10 Euro, Brushing 14 Euro. HAHA. Das ist etwa so lustig wie die Vorspeise für 8 Euro, während das Hauptgericht 1.7 kostet. Alles schon vorgekommen. Aber Frau hat schliesslich Humor und nach vielen obligatorischen Nettigkeiten steht sie wieder auf der Strasse, der Strähnen erleichtert, mit diesem widerlichen Duft nach Honig oder so was in der Nase (ich glaube es gibt irgendsone internationale Coiffeurmafia, die sämtliche Coiffeurs Europas mit der gleichen greulich miefenden Haarpflege ausrüstet)- mit der schlimmen Vorahnung auf den Blick in den heimatlichen Spiegel. Snif. Schlecht? nene. Gut? Auch nicht. Also ich werd mich nicht beklagen…
Im dritten Monat ist es bekanntlich dann zu spät. Point of no return. Phil ist gerade abgereist und der normale universitäre Alltag soll wieder einkehren. Ich sitze in der etwas zu stark runtergekühlten Bibliothek und versuche irgendetwas Vernünftiges anzufangen. Auf dem Stapel liegt die Analyse eines Konvents (Vermessung, Geschichte, Dokumentation etc.) und natürlich mein Projekt. Ich muss hierbei ganz stolz verkünden, dass mein erster Entwurfsversuch im Schwarzen gelandet ist. Unverhofft musste ich am letzten Mittwoch meine Sachen in der grossen Vorlesung dem ganzen Jahreskurs präsentieren. Auf Portugiesisch versteht sich. Ich war derart nervös, dass ich nicht alles mitbekam von der Kritik der 6 Professoren, aber was klar war, dass anscheinend gar nix daran auszusetzen war… Soweit so gut. Die 12 Tage mit Phil waren auch bis oben gefüllt mit rumrennen-spazieren-schauen-velofahren. Ich hoffe, ich darf die Aufgabe der Erstellung einer schönen Fotogalerie (mit einem grossen Haufen Wellen-Fotos ) ihm überlassen.
Aber wie gesagt: Point of No Return. Der nächste Termin mit Schweizer Attributen wär dann Weihnachten. Allerdings gebe ich mir Mühe, möglichst ohne Countdowns zu leben – obwohl das glaube ich das Schwierigste ist am Austausch, da er ja selbst ein Countdown ist, ob mans will oder nicht. Es ist ganz merkwürdig zu wissen, dass in der Schweiz das Leben nicht etwa unterbrochen ist, sondern weiterläuft. In Basel ist jetzt Herbstmesse, hab ich vernommen. GROSSER NEIDFAKTOR muss ich zugeben. Es soll Schnee gegeben haben. Naja. Neid? Ein bisschen. Ich spiele hier ein bisschen Schweiz, trage meine dicke Daunenjacke und die ganze Schule schmunzelt…die kommt halt aus den kalten Bergen!
Aber dann sitz ich eben trotzdem in dieser Bibliothek, die viel schöner, viel interessanter und überhaupt (…) ist — und hab ein ganz bisschen Heimweh. Aber nur ein bisschen. Bis ich rausgehe und die Sonne scheint mir ins Gesicht. Heut geh ich ans Meer!
PS-entschuldigt das Wortspiel. Musste einfach sein *g*
Heute sinds 6 Wochen. Ich sitze bei geöffneter Balkontür in meinem Wohn-Ess-Koch-Bastelzimmer und verlangsame für einen Moment die Zeit. Ich glaube, das ist die Auswirkung der momentanen Wetterlage: Heute morgen schwitzten wir noch im TShirt, jetzt fällt draussen ein dichter Sprühregen – eine Art Drizzle – wie wenn jemand mit einer nassen Zahnbürste über ein Drahtgitter streichen würde. Zwischen den Häusern und über den Baumwipfeln des Chrystal Parks liegt dichter Nebel und die Möwen, die in dieser stillen, dumpfen Stadtwolke ihre Bahnen ziehen, wirken fast ein wenig gespenstisch. Ich hab mich tüchtig erkältet. Denn auch die instabile Wetterlage hindert unsere Zeichenlehrer nicht daran, uns stundenlang draussen runmsitzen zu lassen und Perpektiven der Schule zu skizzieren. Ich muss mich hierbei anscheinend dran gewöhnen, dass ich unter lauter Professionellen die blutige Anfängerin bin. Das heisst, ich werde zuweilen nicht nur mit mitleidigen Blicken sondern mit einem spöttischen Lacher des Profs belohnt. – Mas nao faz mal – Ich bin hier in den Ferien, sage ich mir immer. In der Entwurfsklasse hatten wir auf diese Woche die Aufgabe, uns mit dem Organigramm unseres Projekts, eine Biblioteca Municipal zu befassen.
Vila Nova de Gaia, Area Metropolitana do Porto, Rotunda VL 8
Morgen werden wir ausserdem mit einem Bus voll FAUP Studenten nach Lissabon zur grossen Zumthor-Ausstellung fahren. Ich freu mich gewaltig. Und in 10 Tagen bekomme ich schon den zweiten Besuch aus der Schweiz: Phil wagt sich auf atlantischen Boden! Für dich, angesprochener Schatz, und alle anderen die sich interessieren: hier http://www.instituto-camoes.pt/index.php kann man super ein paar erste Bissen Portugiesisch büffeln. Und ist einem nicht nach aktiven lernen, kann man sich ein paar wunderbar illustrierte Geschichtli über portugiesische Könige und Eroberer (im Menu „Era uma vez… um Rei“) vorlesen lassen…
Der Himmel ist mir heute morgen etwas zu grau um meine Strandgedanken in Taten umzusetzen. Es scheint mir, als wäre dies das erste Wochenende in Portugal, an dem ich mich aktiv pro oder kontra Arbeit entscheiden soll. Und ich tue dies mit Genugtuung in Richtung kontra.
FAUP Faculdade de Arquitectura do Porto
Die Entwurfsklassen haben begonnen. Wie geplant, konnte ich in die Klasse des Architekten Nuno Brandao Costa einsteigen. „Professor!!….“ spricht man hier den Lehrer an. Professor Brandao Costa ist von kleiner Körpergrösse, dünn, trägt einen baumelnden Goldring am linken Ringfinger (in Portugal trägt man ausnahmslos goldene Eheringe) und hat einen leicht gejagten, unter den vorstehenden Schädelknochen versteckten Blick. Er ist glaube ich der erste Mensch hier, der mich nicht aufmerksam gemustert hat und aufgrund heller Haarfarbe und heller Augen auf meine Herkunft, die offensichtlich nicht portugiesisch sein konnte, zu schliessen versuchte. Wir starten nun also alle mit den gleichen Voraussetzungen ins Rennen, um eine öffentliche Bibliothek in der Nachbarstadt Vila Nova de Gaia zu entwerfen. Zum Glück verstehe und spreche ich mittlerweile genug portugiesisch um dem Unterricht zu folgen und gegebenenfalls „duvidas“ oder „perguntas“ und „questoes“ (Fragen) anzubringen.
Genau in dieser Phase des „einigermassen-eingewöhnt-Seins“ scheint die erste Schwierigkeit eines Auslandaufenthalts einzutreten. Mir wurde plötzlich klar, dass ich nicht in den Ferien bin, sondern an diesem Ort leben werde. Am Anfang ist es einfach, ständig dasselbe zu antworten: Ja, Schweiz nicht Schweden – auf portugiesisch besteht das gleiche Problem der Verwechslung wegen dem ähnlichen Namen Suiça und Suecia – ja, wirklich reine Schweizerin, ja, ich weiss, meine Haut ist ungewöhnlich dunkel und Flavia ist lateinisch nicht italienisch. Aber ihr dürft es gerne mit acento schreiben. Flávia. Plötzlich kann ich Leute verstehen in der Schweiz, die ihre Namen absichtlich ändern (ich denke an die kleine Chinesin mit dem seltsamen Namen Aylin und an ihren Bruder Andi – Namen die sie sich ausgedacht haben, um in der Schweiz nicht ständig nach der Aussprache derselben gefragt zu werden). Und ich verstehe auch, warum Leute im Ausland Ihresgleichen, ihre Landespartner suchen. Erscheint einem die Kultur auf den ersten Blick ähnlich, bestehen doch in den Grundfesten wirklich grosse Unterschiede. Denke man nur an den Stellenwert von Religion, Familie und Politik. Die Behandlung der Fragen zu Ehe und Abtreibung. Ausserdem ist Portugal ein „Machostaat“. Die Macht liegt noch viel, viel stärker bei den Männern, als es in der Schweiz der Fall ist. Auch Sport ist reine Männersache. Das sieht man zum Beispiel beim Unisport: es gibt tatsächlich nur Mann-schaften. Das Sportangebot für Frauen beschränkt sich auf Aerobics, Bauch-Beine-Po, Pilates und Indoor-Cycling. An der Universität äussern sich gewisse Rückständigkeiten in der Gesellschaft in einer extremen Anti-Haltung. Es ist zum Beispiel en vogue, dass verheiratete Professoren in aller Öffentlichkeit mit Studentinnen anbändeln. Die Studenten dereinst brüsten sich damit, homosexuell oder – noch eher geschätzt – bisexuell zu sein (obwohl sie es nicht wirklich sind). An den berühmt-berüchtigten Churrascos (BBQs) meiner Fakultät, an denen jeweils sämtliche Szenis aller umliegenden anderen Fakultäten antanzen, wird man diesen Worten scheints auch mit Taten gerecht. Dies kommt sehr ausschweifend und beinahe schon anarchistisch daher. Tatsächlich besteht die Sehnsucht nach den 60ern, der Freiheit, den Kommunen, dem Tabubruch und es werden Vorträge, Seminarien, Kolloquien darüber abgehalten. Doch beginnt nach der intellektuellen Nacht der Tag, ist alles wieder weiss. Die Uni spricht von Tradition, Einheit, und Kontinuität. Ihre architektonischen Augen und Münder schauen wachsam auf das Treiben im Campus mit all seinen hübsch gekleideten und sorgsam frisierten Schülern, ja keine Experimente, dass nur kein Schäfchen abkomme vom richtigen Weg.
„Professor!!….“ und alles geht weiter in geordneten Bahnen als gäbs kein Gestern und kein Morgen und ich, ich spiele ernsthaft mit dem Gedanken, meinen Haaren mit etwas „schwarzem Humor“ zu Leibe zu rücken…
Wie im Paradies kommts einem zuweilen vor hier, in Porto. Aber es gibt auch Dinge, die einem zu Denken geben. Darunter gehen zum Beispiel Themen wie soziale Absicherung und Löhne der Portugiesen.
In der Schweiz beklagen wir uns, dass wir als studierte Architekten nur 4000 Franken verdienen pro Monat. Hier bekommt ein Architekt 500 Euro wenn er Glück hat. Und das ohne Arbeitsvertrag. Das will heissen, dass man schwarz arbeitet und keinen Anspruch hat auf Arbeitslosengeld und andere soziale Dienstleistungen. Natürlich ist alles billiger in den Läden. Aber dennoch – Markenartikel, Kosmetika und ähnliches kosten gleichviel wie in der Schweiz! und wenn man bedenkt, dass der Architekt grade einen Viertel von unserem Lohn bekommt, ist der Preisunterschied von 1:2 dennoch keine Erleichterung.
Aber natürlich verdienen nicht alle Leute so schlecht wie die Architekten (die darum zur Armee und zur Luftwaffe gehen um sich nachher sozusagen hobbymässig mit ihrem Beruf zu beschäftigen). Ein Anwalt oder Lehrer ist besser dran. Die Lohnschere spürt man gut im Supermarkt: Eine ganze Wand voll verschiedener Thunfischsorten steht zur Auswahl: Das billigste Produkt kostet 46 Cent, das teuerste 5 Euro. Ausserdem sind viele Portugiesen eine Art Teil-Selbsternährer. Das Nationalgericht Caldo Verde (Grünkohlsuppe) wächst in allen Gärten, bisweilen auch zwischen Ruinen oder in Hintergässchen mitten in der Stadt.
Spricht man die Leute darauf an, sind die Meinungen geteilt. Einige weisen darauf hin, dass wir uns momentan in einer schweren Finanzkrise befinden. Bei dieser müssen natürlich die letzten Glieder der Lohnkette (Grafiker, Architekten, Archäologen) zuerst bluten. Die andere Seite meint, dass es eh allen gleichschlecht geht. Die letzten 20 Jahre waren besonders für die Architektengeneration eine Art intellektuelles Mittelalter mit traumatischer Nachwirkung: es wurde zersiedelt, planlos und spekulativ viel Fläche und Landschaft des ehemals sorgsam überwachten Diktaturterritoriums überbaut.* Derzeit beherrscht also die Frage die (Planungs-)politik, was die Demokratie und ihre dezentralen Organisationsformen für die Raumplanung „gebracht“ hat. Dieselbe Frage stellen wir uns ja gegenwärtig in der Schweiz – bleibt zu hoffen, dass wir bald irgendwelche realitätstauglichen Anworten auf den Tisch bringen. Also zurück an die Arbeit, Amigos!
*António de Oliveira Salazar(* 28. April1889 in Santa Comba Dão; † 27. Juli1970 in Lissabon) war von 1932 bis 1968 Ministerpräsident und Diktator von Portugal. Seine Hauptunterstützung erhielt Salazar von den Gruppen der Gesellschaft, die des Chaos der republikanischen Ära überdrüssig waren. Für Armee, Kirche, Monarchisten, obere Mittelschicht und Aristokratie war Salazar die bessere Wahl im Vergleich zu den vorhergegangenen Juntas
Manoel de Oliveira, 1942 – Ein allerliebster Film des in Cannes geehrten portugiesischen „Nationalregisseurs“, Bürger und Liebhaber der Stadt Porto; ein Stück Filmgeschichte, Blick zurück ins Porto wies mal war und erstaunlicherweise weitgehend immer noch ist – ein absolutes Zuckerstück für Träumer… (und wunderbar geeignet für Crazydaisy-Abende!)
„Aniki-bébé
Aniki-bóbó
Passarinho Tótó
Berimbau
Cavaquinho
Salomão
Sacristão
Tu és Polícia
Tu és Ladrão
Eu não quero ser Ladrão
Berimbau-tau-tau
Tenho medo da Prisão
Aniki-bébé
Aniki-bóbó
Passarinho Tótó
Berimbau
Cavaquinho
Salomão
Sacristão
Tu és Polícia
Eu sou Ladrão“